Julia Simic (West Ham United) im Interview

Foto: Thomas Wedel     Julia Simic (Profi bei den Frauen von West Ham United) spendet ein Trikot für das Turnier für krebskranke Kinder.

Thomas Wedel interviewte Julia Simic (U 19-Europameisterin, Frauen-A-Nationalspielerin und Double-Gewinnerin)

Julia Simic stammt aus der Metropolregion Nürnberg. Als sie beim Tuspo Fürth, dem ASV Vach und DJK Eibach in den Jugendmannschaften spielte, erahnten wenige, dass dieses Mädchen Karriere als Fußball-Profi machen würde. Bis 2005 kickte sie mit Sondergenehmigung in der U17-Junioren (also bei den Jungs) des damaligen SV 73 Süd Nürnberg (BOL). Von dort aus ging es dann direkt zum großen FC Bayern München.

Über München, Potsdam, Wolfsburg und Freiburg ging es bis nach London!
 
Hallo Julia, du hast mir ja im vergangenen Juni bei deinem Girls Camp in Nürnberg (bei Germania) ein von dir unterschriebenes Westham United-Trikot für den guten Zweck übergeben. Nochmals besten Dank dafür.
 
1. Deine Girls Camps in Bayern und auch in England waren ja alle sehr gut frequentiert. (www.juliasimic-girlscamp.de ) Ich hab gelesen dass du momentan über die sozialen Medien per Video Anleitungen zur fussballerischen Betätigung für die Mädels aus deinen Camps anbietest. Bitte einige Details dazu und wie wird das angenommen?

J: Via Online Training Sessions möchte ich den Mädels die Möglichkeit geben auch in der Zeit ohne Schule und Vereinstraining einerseits beschäftigt zu bleiben, andererseits natürlich auch gerade an technischen Grundlagen und Ballgefühl zu arbeiten.

Viele der Mädels, die aktuell dieses Online Training in Anspruch nehmen, haben unglaublich viel Material zu Hause im Garten, wie Bälle, Hütchen, Mini-Tore, so dass richtig kreativ trainiert werden kann. Aber selbst wenn man nur ein Kinderzimmer mit einer kleinen Freifläche zur Verfügung hat, kann man sich verbessern und mit dem Ball trainieren.

Der Vorteil an dem Online Training ist, dass ich Mädels von Nürnberg aus quasi überall trainieren kann.
Aktuell gibt es beispielweise einige Mädels aus London oder Cuxhaven mit denen ich vor dem Laptop trainiere.
Das Ganze sieht so aus, dass ich auf der einen Seite für die Mädels zu sehen bin und Übungen demonstrieren oder korrigieren kann und auf der anderen Seite die Mädels den Laptop oder das Handy so platzieren, dass ich sie beobachten kann bei der Übungsausführung.
Das klappt echt überraschend gut und die Mädels haben da richtig Lust drauf.
 
 
2. Zur aktuellen Situation im Männer-Profi-Fußball: Was hälts du generell von Geisterspielen?
 
J: Ich finde Geisterspiele sind aktuell die einzige und beste Option. Ich glaube, es gibt aktuell sehr viele Menschen, die Zuhause sitzen und denen man mit ein wenig Fussball im Fersnehen - egal ob Geisterspiel oder nicht - eine grosse Freude machen würde. Natürlich hat der Fussball in der aktuellen Lage keine Priorität - da gibt es im Moment sicherlich viele andere Bereiche, die wichtiger sind - wie Lebensmittel- und Arzneiversorgung, Sicherstellung oder Einhaltung von Hygiene oder Abstands-Regeln, Schuleröffnungen etc.
Aber ich denke, sobald das Risiko unter gewissen Auflagen wieder den Profi-Fussball fortzusetzen, überschaubar ist, ist das sicherlich für viele Menschen in Deutschland ein positiver Schritt Richtung Normalität.
 
 
3. Wie siehts bei euch in der 1.englischen Frauen-Liga aus?
 
J: Bei uns ist es aktuell noch nicht absehbar wann wir den Trainings- oder Spielbetrieb wieder aufnehmen werden. Gerade in England wütet der Virus gerade in Hochform und die Regierung kann deshalb keine Entscheidungen über Spielfortsetzungen für den Männer- und damit auch nicht für den Frauenfussball treffen.
 
4. Bist du der Meinung dass im Amateur-Fußball die Saison sofort beendet werden sollte?
 
J: Schwierige Entscheidung. Ich glaube schon, dass es aktuell wichtigere Themen gibt als den Amateur-Fussball so schnell wie möglich fortzusetzen. Allerdings kenne ich ein paar Jungs, die beispielsweise in den Regionalligen unterwegs sind und die würden alles dafür geben, so schnell wie möglich zurück in den normalen Trainings- und Spielbetrieb zu dürfen, da der Fussball natürlich auch dort weitestgehend den absoluten Lebensmittelpunkt darstellt und durch den Spielstop einige Existenzen bedroht sind.
 
5. Du stammst ja aus dem Raum Nürnberg/Fürth. Deine Jugend-Stationen waren Tuspo Fürth, Vach, Eibach und 73 Süd Nürnberg (dort hast du BOL bei den Jungs gespielt !). Mit welchen Leuten die die Fussball-Interessierten hier bei uns kennen hattest du da fussballerischen Kontakt?
 
J: Mh, da sind mir schon einige Jungs über den Weg gelaufen die am Ende den Sprung geschafft haben. In meinem Jahrgang waren beispielsweise Sercan Sararer oder Edgar Prib, mit denen ich einmal wöchentlich immer Sondertrainingseinheiten in der Fussballschule von Reinhold Hintermaier hatte und jährlich in der Liga gegeneinander gespielt habe.
Mit Markus Karl der lange bei der SpVgg gespielt hat war ich in Fürth in der Schule - allerdings bin ich dann mit 16 Jahren ja schon nach München gezogen, um bei Bayern München zu spielen. Dort war ich dann unter anderem mit Holger Badstuber in der Klasse. Ausserdem gab es bei Bayern dreimal in der Woche eine sogenannte Hausaufgaben-Betreuung - dort waren dann auch unter anderem Thomas Müller oder Mats Hummels anwesend. Auch mit Mehmet Ekici, der ja auch beim Club gespielt hat bin ich noch gut befreundet.
 
6. Zu deiner Karriere: mit 16 schon Frauen-Bundesliga mit Bayern München, dann bei den anderen beiden Spitzenteams Turbine Potsdam und VfL Wolfsburg! Größte Erfolge: DFB-Nationalspielerin, Deutsche Meisterin, 4 x DFB-Pokalsiegerin, viele Champions League-Spiele.
Was würdest du als das Highlight oder die Highlights deiner Karriere bezeichnen?
 
J: Mein absolutes Highlight war schon mein erstes Länderspiel - auch wenn ich gefühlt Ewigkeiten darauf warten musste und es dann mit 27 doch noch geklappt hat. Titel sind natürlich auch immer etwas tolles und eine schöne Bestätigung aber wenn ich meine grössten Glücksmomente beschreiben müsste, dann waren die besten Momente sämtliche Comeback-Spiele nach langwierigen Verletzungen.
Das Gefühl, den Platz bei einem Spiel zu betreten, wenn man vorher für 12 Monate oder länger verletzt ausgefallen ist, das ist unersetzlich.
 
7. Wer waren die besten Spielerinnen mit denen du zusammen gespielt hast und die besten/auffälligsten gegen die du gespielt hast?
 
J: Pernille Harder bei Wolfsburg, Ada Hegerberg bei Turbine Potsdam, Melanie Behringer bei Bayern und Lina Magull bei Freiburg.
Die besten Gegenspielerinnen waren Marta aus Brasilien, Alex Morgan als sie bei Olympique Lyon gespielt hat und Lucy Bronze aus England.
 
8. Du wirst jetzt 31. Wie viele Jahre hast du noch vor professionell zu spielen? Bleibst du jetzt bei Westham?
 
J: Ich wünschte ich hätte Antworten auf diese Fragen. Könnte ich es mir aussuchen würde ich noch 5 Jahre weiter spielen und das ganze am liebsten bei West Ham, weil mir der Verein echt ans Herz gewachsen ist. Allerdings muss man sehen, wie es gesundheitlich weiter geht bei mir und was über den Sommer hinaus passiert
 
9. Du bist zur Zeit in Nürnberg. Was machst du außer dem Online-Training sonst noch so?
 
J: Ab  Montag, 20. April beginne ich mit meinem "Job" im Bioladen.
Die Motivation dahinter war oder ist, dass ich in meiner freien Zeit aktuell mich einfach gerne beschäftigen möchte und auch irgendwo meinen Beitrag leisten will, dass das normale Leben weiter gehen kann. Deshalb habe ich mich dann bei drei unterschiedlichen Unternehmen ganz klassisch beworben und bin zum Glück direkt eingestellt worden.
 
 
Vielen Dank Julia für dieses sehr nette Interview

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