BFV: Zur aktuellen Lage im Amateurfussball

Foto: BFV    BFV-Schatzmeister Jürgen Faltenbacher (l.) und Verbands-Spielleiter Josef Janker (r.)

INZIDENZEN, FLICKENTEPPICH, TRAINING, WETTKAMPF & CO.  

Seit dem 8. März ist in Bayern zumindest wieder kontaktloses Fußball-Training in fest definierten Gruppengrößen möglich, wobei die 7-Tage-Inzidenz die Rahmenbedingungen vorgibt und den Möglichkeiten enge Grenzen setzt. Aber auch nach der Bund-Länder-Konferenz und der von der Bayerischen Staatsregierung veröffentlichten Zwölften Infektionsschutzmaßnahmenverordnung bleiben viele Fragen offen.

„WIR BRAUCHEN ZÜGIG GRÖSSERE SCHRITTE"

Im BFV-Interview erklären Schatzmeister Jürgen Faltenbacher und Verbandsspielleiter Josef Janker, warum es zeitnah dringend verständliche und praxisnahe Vorgaben für die Vereine braucht, welche nächsten Lockerungsschritte zügig folgen müssen und wie es mit dem Wettkampfspielbetrieb und dem Ligapokal-Wettbewerb weitergehen könnte.


Anm. d. Red: Am Abend nach der Veröffentlichung des Interviews hat das Bayerische Innenministerium zahlreiche offene Fragen beantwortet. Hier kommst Du zum entsprechenden Text.
Seit 8. März ist bei gewissen 7-Tages-Inzidenzwerten zumindest wieder kontaktloses Training in definierten Gruppengrößen erlaubt. Wie beurteilen Sie diese Stufe der Lockerungen für den Amateurfußball in Zeiten der Pandemie?

 

Jürgen Faltenbacher: Es ist zwar ein sehr kleiner, aber umso wichtiger Schritt. Ungeachtet dessen, was aktuell erlaubt ist und was nicht, hat es der Breitensport endlich wieder auf die politische Agenda geschafft. Wir stehen nicht länger auf dem Abstellgleis, unsere Sorgen und Nöte, gerade die unserer Kinder, sind bei den Entscheidern angekommen – und klar ist auch, dass es jetzt zügig größere Schritte braucht, um weiter Bewegung in unsere Vereine zu bekommen.


Josef Janker: Kinder unter 14 Jahren dürfen bei örtlichen 7-Tages-Inzidenzen unter 100 wieder in Gruppen bis zu 20 Personen trainieren, bei Werten unter 50 sind es unabhängig vom Alter immerhin 10 Personen. Bewegung ist also möglich, leider nicht flächendeckend – und das trifft uns im Flächenland Bayern ganz besonders. In Hof ist beispielsweise aktuell überhaupt nicht an Training zu denken, wobei etwa in Eichstätt alles im Rahmen der staatlichen Vorgaben möglich ist. Dieser Flickenteppich und die sich täglich ändernden Inzidenzen, die noch dazu schwer überschaubar sind, machen die Sache nicht leichter und sorgen verständlicherweise für große Unsicherheit.Was tut der Verband hier aktuell?


Jürgen Faltenbacher: Umgehend nach Veröffentlichung der neuen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung haben wir gesehen, dass viele Fragen offen sind. Zu viele Fragen! Hier braucht es seitens der Bayerischen Staatsregierung dringend praxisnahe Antworten, denn aktuell stehen unsere Vereine und die Menschen im Regen. Wie definiert sich die sogenannte stabile Inzidenz? Sind Trainer und Betreuer in der Gruppengröße berücksichtigt? Braucht es Hygienekonzepte? Dürfen Umkleiden geöffnet werden? Dürfen Eltern, die ihre Kinder zum Training bringen, auch vor Ort bleiben? Was ist mit Kindern, die an einem Ort wohnen, in der andere Inzidenzen vorherrschen als dort, wo trainiert wird? Die Liste der Fragen ist noch viel länger. Wir haben diese Fragen mit der Bitte um rasche Antworten an das für uns zuständige Innenministerium geschickt, weil unsere Vereine dringend Klarheit brauchen. Der Frust wächst mit jedem Tag. Und wir setzen uns für weitere, sorgsame Lockerungen ein. Eine geordnete Zusammenkunft mit Hygieneregeln auf einem Fußballplatz ist doch tausendmal sicherer als wilde Partys ohne jedwede Vorkehrungen in Parks. Wir alle kennen die Bilder. Und wir alle haben bereits im letzten Jahr eindrucksvoll gezeigt, was es heißt, sorgfältig mit der Verantwortung umzugehen. Wir Fußballer wissen, wie wichtig es ist, sich an Regeln zu halten! Hinzu kommt das nach wie vor extrem geringe, ja quasi nicht vorhandene Infektionsrisiko beim Spiel oder Training unter freiem Himmel.


Anm. d. Red: Am Abend nach der Veröffentlichung des Interviews hat das Bayerische Innenministerium zahlreiche offene Fragen beantwortet. Hier kommst Du zum entsprechenden Text.
Erste Stimmen gibt es bereits, die diesen Umstand, dass an einigen Orten trainiert werden kann, an anderen es die Werte aber nicht erlauben, als Wettbewerbsverzerrung sehen. Wie lässt sich dieser Flickenteppich auflösen?


Josef Janker: Grundsätzlich: das Virus ist nicht gerecht. Wenn jetzt jemand von Wettbewerbsverzerrung spricht, dann weiß ich, dass die Lage sicherlich alles andere als zufriedenstellend ist. Aber jetzt von Benachteiligung in der Form zu sprechen, dass sich dies auf die Spiele in der Liga auswirken wird, ist nicht angebracht. Der Amateurfußball braucht jetzt keinen egoistischen Tunnelblick, sondern Solidarität. Zumal es nicht verboten ist, dass jeder für sich trainieren kann. Zumindest mit Angehörigen des eigenen Hausstands sowie zusätzlich einer weiteren Person, auch das nur kontaktlos und unter Einhaltung der Abstände – aber das gilt ohnehin für alle. Wer sich fithalten möchte, der kann das tun. Die Vorgaben aber haben nicht wir gemacht, sondern die Bayerische Staatsregierung. Natürlich ist es unser oberstes Interesse, allen Vereinen die gleiche Vorlaufzeit zu geben. Und zwar dann, wenn wir ernsthaft wieder über die Wiederaufnahme des Spielbetriebs sprechen können. Davon sind wir aktuell aber noch weit entfernt. Aber jetzt geht es doch einzig und alleine darum, den Menschen überhaupt wieder Training im Verein zu ermöglichen.


Jürgen Faltenbacher: Und wir müssen bei dem, was wir für unsere Fußballerinnen und Fußballer bei der Politik einfordern, immer auch wissen, dass für die meisten Aktiven aktuell der Spielbetrieb nicht das Wichtigste ist. Die Ergebnisse der DFB-Umfrage, an der auch 17.000 Menschen aus Bayern teilgenommen haben, zeigen klar auf, dass ganz oben auf der Liste der Wunsch steht, endlich wieder mit der Mannschaft zu trainieren. Der Wettkampf spielt dabei nicht die erste Geige. Und was den Flickenteppich angeht, so müssen wir öffentlich schon fragen dürfen, ob die Inzidenz die einzige wahre Währung sein kann. Aktuell vielleicht ja, aber die Politik will die Schlagzahl bei den kostenfreien Testungen erhöhen, das könnte Sicherheit für jeden Einzelnen erhöhen. Zum anderen wird sich die Zahl der Impfungen merklich erhöhen – den Impfeffekt sehen wir aktuell ja schon bei der Gruppe der Menschen über 80 Jahre, die Infektionen gehen in dieser Altersklasse zurück, auch die Zahl der hierzulande genutzten Intensivbetten sinkt. All das muss nach unserer Auffassung spätestens in die Entscheidungen für die nächste Lockerungsstufe, die am 22. März besprochen wird, mit einfließen. Wenn ein Biergarten öffnet, muss auch Training mit der Mannschaft wieder möglich sein. Alles andere erschließt sich mir nicht.Nichts desto trotz gibt es auch jetzt wieder diejenigen, die einen Saisonabbruch fordern ...


Jürgen Faltenbacher: Da würde mich dann schon brennend interessieren, ob diejenigen, die das jetzt wieder vorbringen, auch wissen, was das in letzter Konsequenz bedeutet. Einen Abbruch sehe ich nach wie vor als allerletztes Mittel, denn er hätte gravierende Folgen. Wir würden die Saison gemäß der Quotienten-Regelung werten, wir hätten also Auf- und Absteiger, die sozusagen am Grünen Tisch ermittelt würden. Das ist nicht meine Auffassung von Sport. Und das ist auch nicht die Auffassung der überragenden Mehrheit unserer Vereinsvertreter, die in der Verantwortung stehen. Ich erinnere da auch nur an unsere Umfrage vom Dezember, da haben über Dreiviertel die Fortsetzungsentscheidung als richtig beurteilt. Die Zustimmung ist sogar gestiegen. Sportliche Entscheidungen sollen – wenn irgendwie möglich – immer auf dem Platz fallen, nicht mittels Quotienten-Berechnungen am Schreibtisch.


Josef Janker: Spielen wir das doch mal gedanklich durch. Wir brechen jetzt ab und in ein paar Wochen setzt der von vielen Experten prognostizierte Impf-Effekt ein, dann können wir wieder Fußball spielen, haben aber keine Saison, sondern Leerlauf. Dann werden genau die wenigen, die jetzt von Abbruch sprechen, wieder laut schreien, dass das kein Umstand sei und sie jetzt gefälligst um Punkte spielen wollen, noch dazu, weil wir womöglich bestes Fußball-Wetter haben, aber leere Plätze. Wir wissen um die Ungeduld, die auch absolut nachvollziehbar ist. Aber wir haben durch die Fortsetzungsentscheidung Zeit und große Flexibilität gewonnen, wir müssen keine ganze Saison mehr absolvieren, haben in der Regel noch eine geringe Zahl an offenen Spielen, die an zwei Händen abzuzählen ist. Ich bin nach wie vor optimistisch, dass das auch klappt und wir diese Spiele über die Bühne bekommen. Von daher brauchen und werden wir jetzt keine Entscheidung übers Knie brechen, die uns in ein paar Wochen vielleicht einholt und allerorten für Verdruss sorgen wird.Sind Sie ähnlich optimistisch, was den Ligapokal-Wettbewerb angeht?


Jürgen Faltenbacher: Wenn wir eines ganz klar an alle wiederholt kommuniziert haben, dann die Tatsache, dass der Ligapokal-Wettbewerb ein zusätzliches Angebot an unsere Vereine für den Fall ist, wenn uns die Pandemie hierfür auch noch genügend Zeit lässt. Das war der Grundgedanke und ein – wie ich finde – in schwierigen Zeiten absolut positiver Ansatz. Ich will aber zum heutigen Tage ganz bewusst nicht ausschließen, dass uns aufgrund der pandemischen Entwicklung die Zeit dafür fehlen wird und wir am Tag X zu dem Schluss kommen, dass das zwar ein richtiger Weg war, er aber nicht mehr zu gehen sein wird.
Josef Janker: Auch hier müssen wir uns noch etwas in Geduld üben, wir müssen die Entwicklungen abwarten und dann eine Entscheidung treffen. Wir wissen auch, dass viele Vereine über einen Rückzug aus dem Ligapokal-Wettbewerb nachdenken, weil der wohl nur dann zu Ende zu spielen sein wird, wenn die Klubs auch bereit sind, die eine oder andere Englische Woche zusätzlich zu absolvieren.
In Niedersachsen, wo noch eine Vielzahl an Spielen auf der Agenda stehen, wurde bereits jetzt bekannt, dass die Saison über den 30. Juni 2021 hinaus verlängert wird. Ist das auch in Bayern ein Thema?


Jürgen Faltenbacher: Nein, zum heutigen Tag nicht. Denn mit dem Stichtag hängt vieles zusammen – gerade hinsichtlich der Wechselfrist und der Spielberechtigungen. Sollte uns am Ende Zeit für das eine oder andere Relegationsspiel fehlen, dann kann ich mir in Einzelfällen schon vorstellen, dass wir ein paar Tage in die Verlängerung gehen, so dass wir auch hier nicht wegen weniger Tage Entscheidungen am Grünen Tisch brauchen. Ziel ist und bleibt es aber, dass wir am 30. Juni durch sind und uns alle auf eine hoffentlich weitgehend unbeschwerte Saison 2021/22 freuen können.Wie sieht es mit der Regionalliga Bayern als Schnittstelle zur 3. Liga aus? Der Meister, der heuer mittels Play-offs ermittelt werden soll, hat bekanntlich Drittliga-Aufstiegsspiele gegen den Meister des Nordens zu bestreiten. Im Gegensatz zu allen anderen bayerischen Spielklassen setzt die Terminierung der Aufstiegsspiele durch den DFB hier einen Endpunkt, an dem der Teilnehmer feststehen muss, oder?


Josef Janker: Ja, die Regionalliga bedarf einer gesonderten Betrachtungsweise, weil wir hier die Verzahnung zur 3. Liga auf DFB-Ebene haben. Von daher gibt es hier auch entsprechende Regeln. Zum aktuellen Zeitpunkt haben Bayreuth, Schweinfurt und Aschaffenburg Lizenzierungsanträge zur Teilnahme an der 3. Liga gestellt, diese drei Klubs belegen zudem einen der Plätze eins bis vier. Entsprechend erfüllen sie die Vorgaben zur Teilnahme an den Play-offs. Ursprünglich waren die Aufstiegsspiele gegen den Nord-Vertreter für den 20. bis 23. Mai vorgesehen, aktuell wird darüber gesprochen, diese erst zwischen dem 5. und 12. Juni anzusetzen. Sollten wir bis 25 Tage vor dem Termin dieser Aufstiegsspiele die Regionalliga Bayern nicht beendet haben, können die Play-off-Starter auf Meisterschaftsspiele, die wegen der Play-off-Spiele abgesetzt werden müssen, verzichten. Und zwar dann, wenn dem Spiel weder für den Abstieg, Relegation oder die Teilnahme an der 1. DFB-Pokal-Hauptrunde Bedeutung beikommt.Wie genau werden die Play-offs aussehen?


Josef Janker: Das besprechen wir aktuell mit den betreffenden Regionalligisten aus Bayreuth, Aschaffenburg und Schweinfurt. Das favorisierte Modell sieht so aus, dass die Klubs im Modus Jeder- gegen-Jeden in Hin- und Rückspiel gegeneinander antreten – der Sieger dieser Play-offs spielt dann gegen den Nord-Vertreter um den freien Platz in der 3. Liga.Was passiert, wenn die staatlichen Vorgaben die Play-offs unmöglich machen?


Jürgen Faltenbacher: Davon ist nicht auszugehen, bei allen drei Klubs handelt es sich um Vereine, die seit Jahren unter Profi-Bedingungen arbeiten. Von daher kann ich mir gut vorstellen, dass wir für diese sechs Spiele auch entsprechende Hygienekonzepte umsetzen können, wir also auch entsprechende Testungen der Beteiligten in Erwägung ziehen. Außerdem geht es um sogenannte Spiele mit Auswirkungen auf Bundesebene, für diese sollten wir eine entsprechende Ausnahmegenehmigung, die Testungen und Hygienekonzepte vorsieht.

 

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